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Eine Familie bei einer Radtour auf der Kennedybrückee in Bonn

Kein Auto – kein Problem? Mit dem Fahrrad am Stau vorbei

Statt auf der Nordbrücke im Stau zu stehen, mit wehenden Haaren am Rheinufer entlang zur Arbeit radeln?

Erschienen in Hallo Bonn! 2go – Ausgabe 01 / 2018

Eine Idee, die verführerisch klingt und die viele – von der Stadt über Arbeitgeber bis zu Vertretern der Radlobby – gerne stärker fördern möchten: Schließlich bedeutet jedes Rad mehr, fast ein Auto weniger. Eine acht Kilometer lange Radpendlerroute von Bornheim über Alfter zum Bonner Hauptbahnhof ist bereits erklärter politischer Wille der beteiligten Kommunen. Sie findet sich auch in einem Maßnahmenpaket wieder, das die Stadt Bonn an den Bund geschickt hat, um sich für die Teilnahme am Modellprojekt „Saubere Luft“ zu empfehlen. Erst vor wenigen Wochen hat der Fahrradclub ADFC außerdem ein Konzept für ein Netz aus Radschnellwegen vorgelegt, das es Pendlern künftig ebenfalls erleichtern soll, auch aus Bornheim, Rheinbach, Rösrath oder Unkel per Velo am Stau vorbeizufahren.

Insgesamt zehn Radschnellrouten – drei im Links- und sieben im Rechtsrheinischen – sollen dazu beitragen, dass noch mehr Pendler immer öfter das Auto stehen lassen. Aus Sicht des ADFC-Kreisverbands Bonn/Rhein-Sieg könnte linksrheinisch eine Strecke von 45 Kilometern für einen Betrag von rund 1,5 Millionen Euro so ausgebaut werden, dass sie für Radler deutlich an Attraktivität gewänne. „Die Fahrzeit aus vielen Orten im Umfeld der Stadt würde damit bei einer halben Stunde liegen“, so Werner Böttcher, der verkehrspolitische Sprecher des ADFC Bonn/Rhein-Sieg. Weil die Trassen grundsätzlich bereits existierten und nur dergestalt umgebaut werden müssten, dass Radler besser vorwärts kämen, sei die Realisierung bis zum Jahr 2020 durchaus im Bereich des Möglichen. Jeder Pendler mehr, der aus dem Bonner Umland mit dem Fahrrad anstatt mit dem Auto in die Stadt komme, reduziere die Bonner Verkehrsbelastung.

Dass das Radfahren in und nach Bonn attraktiver werden soll, darin sind sich die Kommunen und der Radler-Lobbyverband grundsätzlich einig: Spätestens im Beethovenjahr 2020 soll Bonn zur Fahrradhauptstadt Nordrhein-Westfalens werden.

Dieses Ziel hat man sich bei der Stadt gesetzt. „Wie wichtig das Rad für Bonns Bürger ist, zeigt das Fahrrad-Barometer an der Kennedybrücke“, glaubt Regina Jansen, die mit ihren beiden Kollegen Marlies Koch und Reinmut Schelper das Fahrrad-Team der Stadt bildet. Durchschnittlich nutzten täglich fast 6.600 Personen die Strecke, um zwischen der Innenstadt und Beuel zu pendeln, die zu den meist befahrenen Zählpunkten in ganz Deutschland zählt. 2017 wurden insgesamt sogar rund 8,2 Millionen Radfahrer an Bonns Dauerzählstellen gezählt.

Damit es noch mehr werden hat die Stadt sich einiges vorgenommen: Von einem eigenen Verleihsystem über den Ausbau bestehender Radwege und die Umwidmung bestimmter Straßen zu Fahrradstraßen bis zur Prüfung von möglichen Vorrangschaltungen an Ampeln und Verbesserungen der Sicherheit für Radfahrer reicht das Maßnahmenpaket auf dem Weg zur Fahrradhauptstadt. Dazu kommen die Aktionen wie „Stadtradeln“ oder „Mit dem Rad zur Arbeit“ bei denen berufliche und private Wege, die sonst mit Auto, Bus oder Bahn gefahren würden, mit dem Rad zurückgelegt werden sollen. Die eingangs erwähnten wehenden Haare mag Jansen übrigens gar nicht so gerne sehen: „Das Tragen von Fahrradhelmen trägt dazu bei, die Zahlen schwerer Unfälle zu senken“, glaubt sie.

Ob man eine Zählstation wie auf der Kennedybrücke brauche oder nicht, wolle er einmal dahingestellt lassen, so Rainer Bohnet. Der Kreisvorsitzende des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) legt jedes Jahr selber viele Tausend Kilometer mit dem Rad zurück: Wer sich dem Ziel verpflichtet sehe, zur Landes-Radhauptstadt zu werden, müsse noch viel aktiver werden: Von fehlenden Schildern über suboptimale Baustellenplanungen, die die Radfahrer viel zu oft komplett außen vorließen, bis zu desolaten Teilstrecken reicht die To-do-Liste seiner Meinung nach. „Oft sind leider insbesondere die Schutzstreifen kaum mehr als solche zu erkennen“, so der SPD-Verkehrs- und Kommunalpolitiker. Weitere „Baustellen“ seien Schwierigkeiten bei der Radmitnahme in Bus oder Bahn sowie fehlende Abstellmöglichkeiten.

Jansen sieht die Stadt hingegen auf gutem Weg, will aber bei der Umsetzung mancher Maßnahmen auch die Arbeitgeber in die Pflicht nehmen:
„Fahrradfreundliche Arbeitgeber ermöglichen eine sichere Abstellmöglichkeit für Fahrräder am Arbeitsplatz“, sagt sie. Einen vorbildhaften Fahrradkäfig gebe es zum Beispiel für die Räder der städtischen Bediensteten in der Stadthausgarage. Das sichere Abstellen scheint gerade in Zeiten in denen die Fahrräder nicht zuletzt dank des Pedelec-Hypes immer teurer werden zunehmend wichtiger für eine praktikable Mobilität. Bonn begegnet dem mit einem abgestuften Konzept: Angefangen bei einfachen Abstellmöglichkeiten über Radparkplätze oder so genannte Rad-ServicePoints bis hin zur Radstation, wie man es hinter dem Bahnhof und vielleicht demnächst auch in Godesberg finden soll, reicht das Angebot.

Die einfachste Form der Sicherung stellt dabei der „Bonner Standardbügel“ mit diversen Sonderformen dar. Die simple aber effektive Konstruktion gibt es in der Stadt seit dem Jahr 2010. Über eine weitaus komfortablere Lösung könnten sich die Godesberger möglicherweise demnächst freuen: Dort könnte nämlich nach dem Vorbild einer Anlage in Offenburg ein Parkhaus mit zirka 120 Stellplätzen entstehen: Diese Anlage sei wirklich etwas Besonderes, findet Jansen: Das Gebäude kommt nämlich dank eines vollautomatischen Aufzug- und Lagersystems mit einer Grundfläche von gerade einmal acht mal acht Metern aus. In trockenen Tüchern ist das Projekt allerdings noch nicht: Die Godesberger Bezirksvertretung befürwortet das Parkhaus zwar – wegen schlechter Fördermöglichkeiten durch das Land ist die Finanzierung allerdings noch nicht gesichert und als Alternative könnte auch eine Radstation mit nur 200 Plätzen im Bahnhofsgebäude entstehen.

Zu den Hürden, die die Stadt bereits auf dem Weg zur Fahrradhauptstadt genommen hat, zählt die Einrichtung von Fahrradstraßen im gesamten Bonner Stadtgebiet. Insgesamt wurden 107 solcher verkehrsberuhigter Bereiche im Rahmen des Fahrradstraßenkonzeptes beschlossen. Auch die Öffnung geeigneter Einbahnstraßen oder die Aufhebung der Radwegebenutzungspflicht gehörten dazu, so Jansen. Ein weiteres Instrument ist auch der „Runde Tisch Radverkehr“: Seit 2005 haben sich hier die Akteure der drei städtischen Arbeitskreise „Mit dem Rad zur Arbeit“, „Mit dem Rad zur Schule“ und „Fahrradinfrastruktur“ vernetzt.

Apropos Nordbrücke: Der sogenannte Tausendfüßler – also die Fortsetzung der A565 Richtung Westen – soll ja ebenfalls spätestens im Beethovenjahr 2020 saniert werden: „Im Zuge des sechsspurigen Ausbaus sollte hier die einmalige Chance ergriffen werden, dieses Bauwerk mit einer parallelen Trasse für Fahrräder zu ergänzen so der ADFC-Sprecher. Das koste nach Angaben des zuständigen Landesbetriebs Straßen NRW rund zehn Millionen Euro, die wohl die Stadt tragen müsste: „Zuschüsse wären aber sicherlich möglich“, glaubt Böttcher. Und da die Sanierung der Nordbrücke in Kürze ebenfalls anstehe, sei dies eine Gelegenheit die direkte und schnelle Fahrradroute bis zur anderen Rheinseite zu verlängern.

Damit sich niemand auf dem Weg zur Arbeit verfährt, gibt es übrigens inzwischen einige kleine Helferlein. Zum einen kann man natürlich einfach auf die Handy-Navigation seiner Wahl setzen: In so gut wie jeder App gibt es eine spezielle Fahrrad-Routenführung. Wem das nicht reicht, der kann sich auch von der Anwendung „Quoradis“ oder dem „Radplaner NRW“ an sein Ziel führen lassen. Die mit Unterstützung des Landes entwickelten Anwendungen sind zwar in erster Linie als Freizeitführer konzipiert; mit hnen lassen sich aber vielleicht auch dem Weg zur Arbeit neue Aspekte abgewinnen. „Quoradis“ bietet neben Themenrouten, wie dem „Erft-Radweg“, dem „Radweg Sieg“, dem „RheinRadWeg“ oder dem „Wasserquintett“ noch eine Auswahl weiterer spezieller Routen. Für Neubürger bieten die ADFCler übrigens auch regelmäßig Orientierungsfahrten an: „Wer umzieht, muss sein gesamtes Mobilitätsverhalten neu organisieren – ein guter Moment, um auf das Fahrrad umzusatteln“, so Böttcher. Bei den ADFC-Touren lernen die Teilnehmer nicht nur ihre neue Stadt kennen, sondern auch alltagstaugliche Wege fürs Fahrrad.


Tipp:
Auf der Website der Stadt Bonn und der Website des ADFC  finden Interessierte weitere Details zum
Radfahren in der Bundesstadt.
Die Navigations-Apps „Quoradis“ und den „Radplaner NRW“ kann man herunterladen.


Beitragsbild © Rüdiger Wolff

 

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